Symposium für Selbsthilfegruppen mit Besucherrekord - Der Schmerz muss auf den Rücksitz

Pressemitteilung | 24.11.2015 Schmerz- therapie im ambulanten Setting, multimodale Schmerztherapie, Besonderheiten bei älteren Schmerzpatienten, ACT in der Schmerzverarbeitung – die Schön Klinik Bad Staffelstein lud Spezialisten aus Bamberg, Schweinfurt und Hildburghausen ein, anlässlich des 12. Bad Staffelsteiner Mobilitätstag am Samstag, 21.11.2015, über chronische Schmerzen sowie therapeutische Optionen aufzuklären und aus der Klinikpraxis zu berichten. Rund 200 Teilnehmer aus ganz Bayern und Südhessen nahmen an diesem Patientensymposium teil. Die Klinik will mit dieser Veranstaltungsreihe in Zusammenarbeit mit der Rheumaliga Bayern zur Patientenaufklärung beitragen. Besonderes Merkmal der Vorträge ist die fundierte und gut verständliche Aufbereitung medizinischer Themen.

Gastgeber Chefarzt Dr. Stefan Middeldorf begrüßte Staffelsteins 2. Bürgermeister Hans-Josef Stich sowie Alexander Dageförde, Leiter der Rheumaliga-Arbeitsgemeinschaft Bamberg-Bad Staffelstein, die auch Grußworte sprachen.

Schmerzen sollten in jedem Fall behandelt werden
Nacken-, Arm- und Rückenschmerzen können sehr unterschiedliche Ursachen haben. Das komplexe Zusammenspiel zwischen Muskulatur, Bandscheiben, Wirbelgelenken, Nerven und Schmerzgeschehen erläuterte Dr. Markus Schneider, Orthopäde und Unfallchirurg sowie Leiter des Regionalen Schmerzzentrums in Bamberg. Daher sei es ganz wichtig, genau hinzuschauen, woher der Schmerz kommt, um dann gezielt zu therapieren. So seien für zwei Drittel von Migräne-Kopfschmerz Wirbelprobleme verantwortlich. Auch bei Schmerzen im Schulter-Arm-Bereich erfordert die komplexe Nervenverästelung eine genaue Diagnose. Beim Bandscheibenvorfall müssen Schmerzen in der Akutphase medikamentös behandelt werden. Erst wenn diese abgeklungen sind, sollte über die weitere Behandlung entschieden und geklärt werden, ob ein konservativer Therapieansatz hilfreich ist oder operiert werden muss. Egal, welche Art von Schmerz auftritt: Schmerzen sollten immer behandelt werden, so Dr. Schneider. Denn das Schmerzgeschehen steuert auf Dauer die Abläufe im Gehirn. Wird das Schmerzempfinden nicht eingedämmt, kann das Schmerzsignal stärker werden und auf andere Nervenbahnen überspringen. Man verspürt dann plötzlich Schmerzen an anderer Stelle, für die es keinen akuten Auslöser gibt. Verzichtet man auf Schmerzmittel oder nimmt diese nur ein, „wenn es nicht mehr geht“, reichen die körpereigenen schmerzdämpfenden Botenstoffe nicht aus, der Schmerz wird chronisch.

Die Mär vom eingebildeten Schmerz
Was der Schmerz mit Menschen macht und weshalb Schmerzen keine Einbildung sind, darüber sprach Dr. Jutta Albrecht, Chefärztin der Klinik für Spezielle Schmerztherapie am Leopoldina-Krankenhaus in Schweinfurt. Menschen, die anhaltend über Schmerzen klagen, finden auf Dauer in ihrem Umfeld immer weniger Akzeptanz. Dies kann zu sozialem Rückzug führen und eine Spirale nach unten in Gang setzen. Auf der Suche nach Wegen, ihren Schmerz „zu beweisen“, konsultieren die Patienten unterschiedliche Fachärzte, lassen Röntgen, CT und MRT über sich ergehen, versuchen es mit Alternativer Medizin oder suchen Hilfe bei Psychologen. Hilfe bringt hier die Multimodale Schmerztherapie. Bei diesem Konzept arbeiten Spezialisten verschiedener Fachbereiche Hand in Hand. Ziel ist es, durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Therapien dem Patienten dabei zu helfen, Erfolge bei dem Umgang mit dem Schmerz zu leben und auf Dauer wieder Lebensqualität zurückzugewinnen. „Der Schmerz darf nicht mehr das Steuer in der Hand haben, er muss auf den Rücksitz verschwinden, besser noch in den Kofferraum“, zitierte Dr. Albrecht eine ihrer Patientinnen.

Der Mensch verträgt viel Arzt
Die Besonderheiten beim älteren Schmerzpatienten veranschaulichte Dr. Volker Heinbuch, Chefarzt der Geriatrischen Abteilung an der Henneberg Klinik Hildburghausen. Die Herausforderung bei der Behandlung älterer Menschen besteht in ihrer Multimorbidität. Hier zu lokalisieren, woher genau das Schmerzgeschehen kommt, ist oft nicht einfach, da die Patienten an mehreren Alterskrankheiten leiden und deshalb den Schmerz oft nicht genau benennen können. Der Mensch verträgt viel Arzt, sagt Dr. Heinbuch, doch im Alter werden medizinische Eingriffe nicht mehr so gut verkraftet. Deshalb gilt auch im Alter: Schmerzen müssen behandelt werden. Hier hilft ein eigens entwickelter Fragebogen, der in der Klinik eingesetzt und im Team besprochen wird und der Basis für die Medikation ist. Rund 40.000 verschreibungspflichtige Medikamente gibt es in Deutschland. Die Priscus-Liste enthält eine Auswahl an Medikamenten für ältere Patienten, die Dr. Heinbuch jedoch nicht als geeignet erachtet, sondern man muss genau hinschauen, welche Medikamente man dem älteren Patienten verabreicht. Interessant war für die Zuhörer ein kleiner Exkurs, der Aufschluss über die Medikamenteneinnahme gab: Zahlen zeigen, dass ein Drittel aller 65-Jährigen fünf verschiedene Medikamente einnimmt, bei Pflegebedürftigen sind es elf. Studie zeigen auch, dass rund 374.000 Patienten Medikamente einnehmen, deren Inhaltsstoffe nicht zusammenpassen. Darüber hinaus kann man feststellen, dass 14,5 % aller Rezepte nicht eingelöst werden und man vermutet, dass die Hälfte aller verordneten Medikamente nicht eingenommen werden.

Zuerst muss der Schmerz weg
Psychologie in der Schmerztherapie ist ein fester Bestandteil, denn Schmerzen sind kein rein körperliches Phänomen, sondern jedes Schmerzerlebnis spielt in die Psyche hinein und hinterlässt Spuren. Entspannungstechniken und Biofeedback sind etablierte Methoden, mit Schmerz umzugehen bzw. diesen „sichtbar“ zu machen. Eine neue Therapieoption geht in Richtung Achtsamkeit und Akzeptanz, stellte Dipl.-Psychologin Martina Gold-Müller von der Schön Klinik Bad Staffelstein vor. ACT (Akzeptanz- und Commitment-Therapie) zielt darauf ab, fürsorglich mit sich selbst zu sein, eine Neuorientierung für das eigene Leben zu finden und Handlungen zu entwickeln hin zu diesem neuen Weg. „Zuerst muss der Schmerz weg, dann ….!“ Mit diesem Bewusstsein zu leben, versuchen den Schmerz zu beherrschen oder zu vermeiden, kostet mehr Energie als man zur Verfügung hat. Vielmehr gilt es, sich aus diesem Kampf zu lösen und gewonnene Energie für die eigenen Werte und Ziele im Leben zu nutzen. Martina Gold-Müller brachte den Zuhörern nahe, dass der Therapieerfolg von der Motivation und dem Willen abhänge. Auch die Lebenssituation des Patienten ist ausschlaggebend: Bezieht sich die Therapie nur auf das Schmerzgeschehen oder gibt es noch andere „Schauplätze“ im Umfeld des Patienten, die Einfluss nehmen auf die Gefühls- und Gedankenwelt. 7

Bewegungstherapie und Workshops
Im Anschluss an den Mittagsimbiss hatten die Besucher Gelegenheit, an der Bewegungstherapie in der benachbarten Obermain-Therme oder an den beiden Workshops „Kunst und Gestaltung“ in der Klinik teilzunehmen.

Die Resonanz an dieser Patientenveranstaltung war auch in diesem Jahr wieder ausgesprochen hoch, nicht alle interessierten Selbsthilfegruppen konnten eingeladen werden. Die Klinik ist mit der diesjährigen Teilnehmerzahl an ihre räumlichen Kapazitätsgrenzen gestoßen. Die Vorträge wurden zusätzlich per Video in die angrenzende Halle übertragen, wo sich ebenfalls Besucher eingefunden hatten. Für das kommende Jahr ist daher geplant, die Veranstaltung erstmals in die Adam-Riese-Halle Bad Staffelstein zu verlegen und auch für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

 

Über die Schön Klinik Bad Staffelstein
Die Klinik ist spezialisiert auf die Fachbereiche Orthopädie, Psychosomatik sowie Neurologie und hat ca. 330 Betten. Jährlich werden über 4.500 Patienten behandelt. Besondere Kompetenz bietet die Klinik in der konservativen Orthopädie und Schmerztherapie mit rehabilitativer Ausrichtung sowie in der Behandlung von Essstörungen, Burnout oder Depressionen. Weitere Schwerpunkte liegen in der intensiv-medizinischen Versorgung und Rehabilitation neurologischer Patienten.

Über die SCHÖN KLINIK
Die Schön Klinik ist eine Klinikgruppe in privater Trägerschaft (Familie Schön) mit den Schwerpunkten Orthopädie, Neurologie, Psychosomatik, Chirurgie und Innere Medizin. An 17 Standorten in Bayern, Schleswig-Holstein, Hessen und Hamburg behandeln 9.200 Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten jährlich rd. 100.000 Patienten.

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